Der Stille Berg

von Philippe Rei Ryu Coupey, Zen Mönch

„Stille“ bedeutet nicht: Da spricht man nicht mehr, da hört man kein Wort. Die meisten Leute denken, dies wäre nötig: Dass man auf Zen-Sesshin, am Esstisch und im Dojo nicht mehr spricht. Im Moment neigt man dazu, zu sagen, dass die Godos, die Meister, während Zazen nicht mehr sprechen sollen. Doch dies ist überhaupt nicht die wahre Stille. Die Worte, die Sätze sind genauso wichtig wie die Nicht-Worte und die Nicht-Sätze. Es sind Klänge. Ich wünsche mir Klänge während eines Sesshin, ich wünsche mir Sätze,… dann jedoch Klänge, die nicht vom Ego beeinflusst sind. In diesem Augenblick kann man die Wirkung wahrer Stille wahrnehmen.

Woher kommen die Sätze? Woher kommst du?

„Woher kommst du?“ fragt der Meister. – „Oh, ich bin aus Paris.“ – „Wo warst du diesen Sommer?“ – „Ich war auf der Gendronnière, Meister!“ Dies sind Sprüche. Dies ist Lärm, ein Lärm, wie er auch von der Mathematik kommen kann, das Lärmen Jemandes, der darauf besteht, dass zwei mal zwei vier ergibt. Und dies kommt nicht aus der Nicht-Relativität, kommt nicht aus der Nicht-Dualität.

Moku. Dieses Kanji ist ein grundlegendes im Zen. Moku: Stille. Mokusan: Stille des Berges. Mokudo, Deshimarus Name: Stille des Dojos. Etienne Zeisler hatte den Namen Mokusho: Stille Erleuchtung. Es ist auch der Name vom Soto-Zen. Soto-Zen und Mokusho – dieselbe Sache: Stille Erleuchtung.
Einige Meister hatten mit diesem Thema „Stille“ schwer zu kämpfen. Meister Tokusan, gestorben 867, war, wie ihr euch erinnert, ein großer Gelehrter, stets mit Büchern, mit Sutras und Sastras beschäftigt. Eines Tages hatte er die Erweckung, und er verbrannte all seine Sutras und Sastras. Dann sprach er: „In meiner Schule gibt es weder Worte noch Sätze!“
Man darf nicht so ins Extrem gehen – man muss es vielmehr zerschlagen, es brechen. Man darf nicht in Extremen verweilen – es sei denn zum Zweck, die Extreme zu zerstören. Neulich wurde ein Praktizierender des Pariser Dojos, Schüler eines anderen Godos, interviewt. Man fragte ihn: „Was ist das Wichtigste, das Ihr Meister Sie im Pariser Dojo unterweist?“ Er antwortete: „Die Stille zu suchen.“ Das ist ganz schön pathetisch…

Meister Tanka, gestorben 1119, Meister von Wanshi, sagte: „In meiner Schule gibt es Worte und Sätze.“ Und Meister Dogen sagte ungefähr 130 Jahre später zu diesem Thema – entgegen allem, das man sich von ihm vorstellen könnte: „Ich spreche nicht auf diese Weise: In meiner Schule gibt es nichts als Worte und Sätze.“
Man muss der Rede des Zazen zuhören, muss der Rede des Körpers zuhören. Man muss der Rede von Gassho – Verbeugung, der von Sanpai – Niederwerfung, der des Geistes zuhören. Man sagt „I Shin Den Shin“: Mein Geist spricht zu dir – Dein Geist spricht zu mir. Mein Geist-Körper – Körper-Geist spricht zu dir.
Fürwahr, das Geheimnis des Zen kann nicht durch Sprache ausgedrückt werden.

Wir benutzen unentwegt Worte. Jedoch, es muss gesagt werden: Im Zen hört da jede Kunstfertigkeit und jede persönliche Technik auf. Aus diesem Grund scheinen die klassischen Zen-Dialoge so sonderbar. Aber sie sind es nicht. Sie sind tief.
Was ich auszudrücken versuche, ist, dass wenn man sich austauscht, von meiner Seele zu deiner Seele, dann ist diese Kommunikation von jedweder Beziehung unabhängig. Das ist Mushin, Nicht-Geist. Nicht, dass man geistlos oder gedankenlos wäre, sondern man wird vollkommen normal.
… Bevor das Vorderhirn uns nach links oder rechts führt, ins Vorgefertigte… Norden… Süden…

Auszug aus “Die Unterweisung, die nicht verreist” – Kommentare zu den Gedichten 105 und 106 von Meister Daichi, Domaine du Fan, Frankreich, August 2008